*Rezension* Jeden Tag ein bisschen mehr


  (5/5)

Krank, Kränker, Audrey

Wie aus dem Nichts kommen sie, urplötzlich und ohne Vorwarnung. Die Gestalten kommen, die Stimmen und die Wesen in Audreys Kopf, die ihr sagen, was sie tun und lassen soll. Gestalten, die ihr Dinge in den Kopf flüstern, welche sie nicht hören will. Stimmen, die ihr sagen, dass sie sich Wunden zufügen, sich verletzen soll. Audrey ist krank, physisch wie psychisch. Sie weiß das und kann doch nichts dagegen tun, denn ihre Krankheit hat keinen Namen, die Ärzte finden selten rein somatische Auffälligkeiten an ihr.

Als Audrey mit ihrer besorgten Mutter Lorraine und ihrem kleinen Bruder Peter in das „Grange House“ einer neuen Stadt umzieht, spricht der Neuanfang ganz klare Symbolik aus. Audrey geht es langsam besser, sie lernt den Nachbarsjungen Leo kennen und die beiden freunden sich an. Doch die Stimmen kommen wieder, Audrey geht es phasenweise richtig schlecht. Ihre Mutter macht Arzttermine für sie aus, versucht ihr zu helfen, wo sie nur kann und achtet darauf, dass Audrey immer ihre Medikamente einnimmt… doch die Frage ist, wo das eigentliche Problem liegt.

„Jeden Tag ein bisschen mehr“. Ein bisschen mehr Freiheit, ein bisschen mehr Liebe und Leben. Zugleich aber auch ein bisschen mehr Krankheit und ein bisschen mehr Verzweiflung. So spielt es sich bei Audrey ab. Die sechzehnjährige Hauptfigur der Geschichte will doch nur normal sein und ein anständiges Leben führen. Sie will doch nur sich verlieben und das verrückte Leben einer Jugendlichen genießen. Doch stattdessen plagt sie sich mit ihrem Unterbewusstsein und ihren körperlichen Beschwerden ab, schwebt dabei zuweilen an der Grenze zwischen Leben und Tod und unterliegt letztlich der Verzweiflung aufgrund der Ungewissheit über die Ursache und den Auslöser all ihrer Symptome. Audrey ist eine sympathische Person, die den Leser für sich gewinnen kann. Sie ist charmant und freundlich – und wirkt zunächst doch ziemlich befremdlich durch ihre Gedankengänge und ihren Hang dazu, sich selbst zu verletzen. Dennoch konnte ich eine gewisse Sympathie für Audrey aufbringen und habe mit ihr mitgelitten und mitgekämpft.

Leo ist ein sympathischer Nachbarsjunge von nebenan, ein Vorzeigechinese und ein toller Typ. Die Figur ist ohne Frage total klischeebeladen. Leo, der Asiate, der super Noten schreibt, der Klavierwettbewerbe gewonnen hat, dessen Mutter ständig beruflich unterwegs ist. Ein bisschen sehr viel Klischee ist das schon, aber zugegebenermaßen hat mich diese schemabeladene Figur nicht mal gestört – manchmal braucht der Mensch wohl einfach ein wenig das Gefühl, dass eine Person genau so tickt, wie wir sie uns vorstellen.

„Jeden Tag ein bisschen mehr“ fing an als ein leichtes, nettes Jugendbuch über Jugendprobleme – und steigerte sich dann immer mehr in eine surreale und erschreckende Geschichte über verschiedene Facetten einer Krankheit und deren Entstehungsgründe. Der Roman ist durchweg spannend geschrieben und enthält einen Mehrwert, da die Geschichte den Leser auch nach Zuklappen des Buchdeckels nicht mehr so leicht weglässt.

Das Ende ist schockierend und man denkt als Leser noch lange an den Roman.

„Jeden Tag ein bisschen mehr“ ist eine Geschichte, hinter der mehr steckt, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt. Ich kann sie Leserinnen und Lesern ab ca. 15 Jahren absolut empfehlen.

Hier könnt ihr euch den Roman aus dem FJB-Verlag bestellen.

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